Samstag, 10. Oktober 2020

Der ewige World Passport des Garry Davis

Der Ursprung des als World Passport bezeichneten Fantasieausweises liegt im Herbst des Jahres 1948 in Paris. Dort hin hatte es den bis dahin kaum bekannten us-amerikanischen Schauspieler Garry Davis, der im Zweiten Weltkrieg als Bomberpilot eingesetzt war, verschlagen. Am Broadway in New York – nicht etwa in Hollywood – war seine Kunst damals nicht gefragt.

Ernsthaft beeindruckt von dem Buch "Die Anatomie des Friedens" von Emery Reves, beschloss Davis für den Weltfrieden jeder Nationalstaatlichkeit zu entsagen und legte im Pariser US-Konsulat seine amerikanische Staatsbürgerschaft ab. Im Laufe seiner anschließenden Aktionen am exterritorialen Tagungssort der dritten UN-Generalversammlung bastelte er sich selbst einen Weltbürgerausweis mit der Seriennummer 1. Prompt verpasste ihm ein findiger Reporter den Titel "Weltbürger Nr. 1".

Damals wie heute nahm die Presse solche Kuriositäten dankbar auf. Sein Zelt auf dem Gelände des Palais de Chaillot lockte Schaulustige und Sympathisanten an. Eine Gruppe der im Schatten damaliger Ereignisse verweilender Pariser Intellektueller – darunter der spätere Literaturnobelpreiträger Albert Camus – witterte Morgenluft und gesellte sich solidarisch zu Garry Davis. Ihr medialer Höhepunkt war eine Performance am 19. November 1948 während der UN-Generalversammlung. Die Behauptung, diese hätte die Verabschiedung der "Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte" am 10. Dezember beflügelt, kann als nachträgliche Wichtigtuerei angesehen werden. Solche Aussagen wie: "Garry Davis, der Mann der die Menschenrechte erkämpfte", sind absoluter Unsinn. 

Zwar hatte die Pariser Aktion keine erkennbare Wirkung auf die Weltpolitik und wurde von schon länger aktiven Weltföderalisten mit Skepsis beobachtet, fand aber in der Öffentlichkeit beachtliches Interesse. Es entstand eine Weltbürgerbewegung, als deren Initiator Garry Davis galt. Eine nicht nachprüfbare Zahl von Menschen in ganz Europa, die bis 700.000 genannt wurde, ließ sich als Weltbürger registrieren. Der dafür notwendige bürokratische Aufwand überforderte die meisten damit betrauten Weltbürgerorganisationen und führte zu deren Insolvenz.

Garry Davis machte 1949 für die Weltbürgerbewegung eine Vortragsreise durch Südfrankreich. Im Rahmen einer so genannten "Mondialisation" erkärte sich der Ort Trouillas nahe Perpignan zum "Weltterritorium". Es folgten hunderte solcher symbolischer Erklärungen französicher Gemeinden und auch in anderen Ländern. Albert Einstein, der Davis noch im Jahr zuvor für seine Aktion in Paris telegrafisch beglückwünscht hatte, meinte zu der Einladung, die "Mondialisation" der Stadt Cahors zu unterstützen:

" ... Es macht zwar den Eindruck, dass die Führer der Bewegung es mit ihrem Vorschlag ernst meinen; aber es schein eine Seifenblase zu sein. Wenn man für solche luftigen Unternehmungen eintritt, wird man sehr bald nicht mehr ernst genommen und kann gar nichts mehr nützen." (Quelle: Einstein, Über den Frieden)

Einstein hatte inzwischen wohl erkannt, wie das anfängliche Strohfeuer der Weltbürgerbewegung verglühte. Davis selbst hatte damit begonnen, gegen Spenden und später Gebühren, Weltbürgerpässe auszustellen. Es galt in der Szene als schick, solch ein Papier zu besitzen. Deshalb, auch wegen sonstiger eigenmächtiger Aktionen und Provokationen, kam es zum Streit mit den französischen Weltbürgern und schließlich zur Trennung. Garry Davis ging seine eigenen Wege. Diese führten ihn zunächst nach Indien, wo er irgendwelche Merkwürdigkeiten studierte.

Zurück in den USA bekam Davis durch erneute Heirat wieder die amerikanische Staatsbürgerschaft. Hier gründete er seine World Service Authority. Ich habe mir die Mühe gemacht, die dazu verfasste "Ellsworth-Erklärung" vom 4. September 1953 in ihrer Gesamtheit zu lesen. Sie ist interessant, weil sie den geistigen Zustand von Garry Davis zu dieser Zeit dokumentiert: Ein hoffnungsloses Gemisch aus Weltschmerz und unausgegorenen Lösungsideen für eine Menschheit, die es so nicht gibt. Eine Predigt des "Weltbürgers Nr. 1" gegen die Realität, wie eine chaotische Philosophie, welche die bereits damals bekannten und logisch formulierten Perspektiven und Pläne ernsthafter Weltföderalisten völlig ignorierte. Sie gipfelt in der egozentrischen Fantasie, selbst die Weltregierung zu sein. Der deutsche Journalist Peter Coulmas schrieb 1990 in seinem Buch "Weltbürger - Geschichte einer Menschheitssehnsucht":

"Seine kosmopolitischen Ideen aber, insbesondere die Behauptung, dass für ihn kein einzelner Staat und keine Regierung zuständig seien, wurden als die Exzentrizitäten eines spleenigen Amerikaners, nicht als die Visionen des Propheten eines neuen Zeitalters angesehen".

Garry Davis baute seinen "Weltdienst" kontinuierlich aus. Der World Passport ernährte seinen Mann. Es kamen mit der Zeit noch andere wertlose Urkunden hinzu. Er reiste dafür durch die ganze Welt und überreichte dabei ohne Bestellung gratis Exeplare der Pässe an Prominente, die er dann als Aushängeschilder benannte. Die Presse spielte dabei in der Regel kostenlos mit. Und wenn er hin und wieder irgendwo Schwierigkeiten bekam, nutze er das ebenfalls zur Publizität. Dazu schrieb er mehrere kleine Bücher. Davis tat nichts anderes mehr, als den World Passport zu verkaufen. Es war die Rolle seines Lebens. Ich würde ihm nicht nachsagen, dass er dabei nur Geld im Sinne hatte. Seine persönliche Überzeugung, damit einen wichtigen Beitrag für den Weltfrieden und die Einheit der Menschheit zu leisten, halte ich für glaubwürdig. Anders wäre sein optimistisches Engagement bis ins hohe Alter kaum zu verstehen.

Garry Davis starb am 24. Juli 2013, drei Tage vor seinem 92. Geburtstag. Die World Service Authority wird von Nachfolgern fortgeführt. Das Geschäft mit dem World Passport geht weiter und ernährt weiterhin seine Protagonisten. Die Werbung wurde intensiviert und findet gegenwärtig auf allen erdenklichen Kanälen im Internet statt. Bei Twitter nutzt man jedes mögliche Thema, um Aufmerksamkeit zu erregen.

Kernstück ist der 2017 von dem Filmemacher Arthur Kanegis produzierte Film "The World is my Country". Er ist eine Mischung aus Dokumentarfilm über das Leben von Garry Davis und typisch amerikanischer Reklame für den World Passport. Wir hatten im Weltbürgerforum darüber diskutiert. Es gibt inzwischen dazu sogar einen Fanclub. Aktuell wird berichtet, dass die National Educational Telecommunications Association den Film an TV-Stationen (PBS) in den USA zur möglichen Ausstrahlung verteilen will. Kein Problem, wenn die DVDs gratis zur Verfügung gestellt werden. René Wadlow, Präsident der Association of World Citizens, schrieb Ende 2017 an ein Weltbürgertreffen in Paris:

"Für diejenigen unter ihnen, die Garry kannten, lohnt es sich, den Film zu sehen; es wäre auch nützlich, eine Kopie des Films zu kaufen, um ihn in Frankreich zu zeigen. Ich glaube jedoch nicht, dass dieser Film dazu benutzt werden kann, neue Weltbürger zu rekrutieren. Es wird zu viel Wert auf den Weltpass gelegt, nicht als Symbol der Weltbürgerschaft, sondern als gültiges und anerkanntes Reise- und Identitätsdokument. Einige Leute, die einen kaufen, tun dies nicht, weil sie eine Weltbürger-Ideologie unterschreiben, sondern weil sie keine gültigen Ausweispapiere haben, und wenn sie die Dokumente der Weltdienstbehörde als solche benutzen, endet es schlecht für sie."

Das ist der Hauptgrund, weshalb man das Geschäft mit dem World Passport kritisieren und vor diesem Scheindokument warnen muss. Wenn man von der World Service Authority erzählt bekommt, dass der Passport von vielen Ländern der Welt "faktisch" anerkannt wird, dann ist das irreführend.

Die "faktische" Anerkennung des Passes wird hier daraus abgeleitet, weil er hin und wieder bei Grenzkontrollen abgestempelt wird. Das dürfte kein Problem sein, wenn man einen echten Reisepass vorweisen kann und den freundlichen Grenzbeamten darum bittet, auch den zweiten, symbolischen Pass abzustempeln. Ein Bakschisch mag dabei behilflich sein. Es kann auch vorkommen, dass Grenzbeamte den World Passport aus Unkenntnis akzeptieren. In Wirklichkeit wird der World Passport von keinem Land der Welt offiziell anerkannt. Er hat bestenfalls symbolischen Charakter. Was man von der World Service Authority nicht erfährt, ist zum Beispiel die Erfahrung eines Afrikaners, der wegen des Passes mehrere Monate im Gefängnis saß. So kann es jedem gutgläubigen Weltenbummler passieren, dass er die eine oder andere Arrestzellen von innen besichtigen darf.

Da diese irreführende Werbung für den World Passwort von den Verantwortlichen wissentlich und absichtlich erfolgt, kann ich deren Treiben nur als unseriös ansehen. Jeder seriöse Weltbürger und Weltföderalist sollte sich deshalb von diesem dubiosen Geschäft fernhalten. Davon abgesehen halte ich auch den Stil, das Engagement für eine Welföderation an solch einem Stück Pappe aufzuhängen, für idiotisch. Es kursieren auf dem Markt der Unmöglichkeiten inzwischen noch weitere Pässe, die so ähnlich aussehen. Man braucht nur zu googlen. Ich hoffe sehr, dass sich die Einsicht durchsetzt, dass solch ein Unsinn unserer Sache mehr schadet als nutzt.


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