Sonntag, 18. Oktober 2020

Zur Lage der Weltbürgerbewegung



Im letzten Beitrag wurde die Rolle von Garry Davis beleuchtet, der nach wie vor als Begründer der Weltbürgerbewegung gilt. Sein reales Vermächtnis besteht heute allerdings nur noch aus dem Mythos um seine Person, der von den Medien immer wieder kritiklos kopiert wird, und der von ihm gegründeten World Service Authority, einer Firma, welche fortgesetzt das zweifelhafte Geschäft mit dem World Passport betreibt. Die Wikipedia-Artikel zu dem Komplex sind teilweise lückenhaft und weisen Fehler auf. Aber was ist aus dieser Weltbürgerbewegung von damals geworden?

Flagge mit Weltbürger-Symbol

Unter Beteiligung von Garry Davis wurde Anfang 1949 in Paris das Weltbürger-Register gegründet. Es folgte die Kampagne für die "Mondialisierung" so genannter Welt-Territorien. Eine zusammengefasste Übersicht dazu wurde beim Weltbürger-Informationsdienst veröffentlicht. Ich selbst hatte zeitweise die Vertretung des Weltbürger-Registers in Deutschland übernommen, aber dann wieder gekündigt. Über den ganzen Vorgang gibt es einen kritischen Thread im Weltbürgerforum.

Es gab für mich mehrere Gründe, dem Weltbürger-Register den Rücken zu kehren. Dazu gehörte nicht zuletzt die dortige Duldung irrationaler Propaganda und Verschwörungstheorien. Auch die dilettantische Planung und Durchführung der Veranstaltungen zum 70. Jubiläum war für mich ein Grund zur Trennung. Was als voller Erfolg gefeiert wurde, war in Wirklichkeit ein Fiasko.

Während der Zeit meiner Kontakte hielt man sich nicht an Absprachen. Es gab keine fortschrittlichen Impulse. An frischen Ideen zeigte man kein Interesse. Einfachste Initiativen erstickten im Keim. Der größte Teil der auf der Website des Weltbürger-Registers aufgeführten Korrespondenten ist inaktiv oder inszwischen verstorben. Es wird noch ein bisschen Bürokratie betrieben, wenn sich ab und zu jemand als Weltbürger registrieren lässt, aber dann nichts weiter tut. Politisch ist die Sache tot.

Es existierte noch eine separate Initiative unter der selben Adresse in Paris: Der Marsch der Weltbürger. Die drei Initiatoren wollten aus Altersgründen die Sache an Jüngere abgeben, aber es hat sich bisher niemand dazu bereit erklärt.

Die Kampagne zur "Mondialisierung" so genannter Welt-Territorien war eine Idee, die sich schnell und mit Nachdruck ausbreitete, aber ebenso schnell wieder verschwand. Heute ist davon nur noch eine große Liste von Orten übrig, in denen sich kaum noch jemand an die damaligen Aktivitäten erinnern kann. Einzig in der südfranzösischen Stadt Cahors hält ein kleiner Weltbürger-Verein die Erinnerung wach, an die "Zeit, in der der Amerikaner in die Stadt kam".

Dazu soll auch das im September erschienene Buch von Michel Auvray, "Histoire des Citoyens du Monde - Un idéal en action de 1945 à nos jours" dienen. Aber das ist alles Geschichte. Es fehlt, wie auch beim Weltbürger-Register in Paris, an Zukunftsinitiativen und an jüngeren Leuten, welche sich dafür einsetzen. Möglichkeiten gäbe es genug.

Man kann sagen, dass die aus den Ereignissen 1948 in Paris entstandene Weltbürgerbewegung heute nicht mehr existiert. Da sind nur noch vereinzelte Vereine und Gruppen, die man nicht mehr als Bewegung ansehen kann. Dabei ist durchaus das Potenzial für eine neue Weltbürgerbewegung vorhanden. Das ergibt sich aus der absoluten Notwenigkeit der politischen Vereinigung der Menschheit in einer demokratischen und föderalen Weltunion, sowie den vielen Organisationen und Einzelpersonen, die sich bereits mit ihren speziellen Themen dafür einsetzen, ohne sich direkt als Welbürger zu bezeichnen.

Konkrete Weltbürger-Aktionen sind ebenso am laufen. Ich nenne hier nur die UNPA-Kampagne und die internationale Kampagne für eine UN-Weltbürgerinitiative WE THE PEOPLES. Das ist alles wichtiger als symbolische Registrierungen und wertlose Ausweispapiere. Damit kommen wir auch dem eigentlichen Sinn der von Garry Davis und seinen Mitstreitern am 19. November 1948 in Paris veranstalteten Demonstration wieder ein Stück näher.


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